Interessante Kunstführungen im Paul-Wunderlich-Haus mit regionalen Kunstakteuren

Die „Stiftung für das Paul-Wunderlich-Haus“ bietet Kunstinteressierten und Ausstellungsbesuchern Führungen zur Auseinandersetzung mit dem Leben und Schaffen des Eberswalder Ehrenbürgers Paul Wunderlich an. Es erwartet die Teilnehmenden eine interessante Annäherung mit regionalen Bezügen. Der Landkreis Barnim als Träger der Stiftung konnte zwei wichtige Akteure der Barnimer Kunst- und Kulturszene für regelmäßige thematische Führungen durch die Sonderausstellungen im Kreishaus gewinnen. Die bildende Künstlerin Gudrun Sailer interpretiert Wunderlichs Werk aus dem Blickwinkel der Bildhauerin, während der Eberswalder
Kulturakteur Udo Muszynski die Heimkehr des weltweit erfolgreichen Künstlers besonders hinterleuchtet. Muszynski verantwortet seit mehr als drei Jahrzehnten die Organisation und Konzeption von Kulturreihen wie „Jazz in E. – Ein Festival aktueller Musik“ oder „Guten-Morgen-Eberswalde – Kulturelle Interventionen“. Er betreibt seit 2019 die „Galerie Fenster“ im Brandenburgischen Viertel von Eberswalde.
Gudrun Sailer schloss 1991 ihr Kunststudium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle mit einem Diplom ab. Sie lebt und arbeitet in Eberswalde und hat ihr Atelier in der Schleusenstraße.

Die Führungen finden immer am zweiten Sonnabend des Monats beginnend um 14 Uhr im Paul-Wunderlich-Haus statt. Eine Mindestteilnehmerzahl von fünf Besuchern ist erforderlich. Um eine Anmeldung per E-Mail an post@mescal.de oder telefonisch unter 03337-425730 wird gebeten. Die Teilnahme an den Führungen ist kostenfrei.

Die Führungen:

Führung mit Udo Muszynski:
Die Heimkehr des Paul Wunderlich und die aktuellen Ausstellungen. Neben einem kleinen geschichtlichen Exkurs über die Beziehung von Paul Wunderlich zu seiner Geburtsstadt Eberswalde, sind die Ausstellungen:
„Karin Székessy – Meine Frau die schöne Fotografin“,
„Blüten der Liebe – Flora und Eros im Garten Wunderlichs“ sowie die Plakatausstellung „BILDER.REISEN – Vom Original-Handabzug zum Offset-Plakat“ zu sehen.

Führung mit Gudrun Sailer:
Paul Wunderlich, Zeichner ausgeprägter Leidenschaften. Wir entdecken zusammen,
was sonst im Verborgenen bleibt.

Termine Führungen 2026
10. Januar 2026
14. Februar 2026
14. März 2026
11. April 2026
9. Mai 2026
13. Juni 2026
11. Juli 2026
8. August 2026
12. September 2026
10. Oktober 2026
14. November 2026
12. Dezember 2026

»Meine Frau, die schöne Fotografin« (Paul Wunderlich)

2008 formulierte Paul Wunderlich auf eine Frage zur Werkkorrespondenz mit Karin Székessy: » Mit Vergnügen und auch einem gewissen Stolz blicke ich heute, nach fast 40 Jahren zurück, auf diese besonderen „Korrespondenzen“ mit meiner Frau, der schönen Fotografin.


Keine Person taucht im Œuvre Wunderlichs so häufig auf, wie seine Frau Karin Székessy. Sie bestimmte maßgeblich das Leben und Schaffen Paul Wunderlichs in 47 Jahren einer sehr innigen Beziehung. Von seiner tiefen Zuneigung und Verehrung für seine »schöne Fotografin« zeugt nicht nur das gleichnamige Gemälde aus dem Jahr 1964, sondern auch die Vielzahl der Frauendarstellungen in den verschiedensten Sujets, in denen sich immer wieder das markante Profil seiner attraktiven Gattin entdecken lässt.


Karin Székessys Retrospektive »Zeitspuren einer Ikone der Fotografie« präsentierte im Sommer 2025 in der Kunsthalle Lüneburg einen großartigen Querschnitt Ihres Schaffens als erfolgreiche deutsche Fotografin mit internationalem Renommee. Leider konnte sie die endgültige Eröffnung der Ausstellung nicht mehr erleben. Am 22. Mai 2025 verstarb Karin Székessy im Alter von 87 Jahren in Hamburg.


Die neue Sonderausstellung würdigt in Karin Székessy eine Ikone der deutschen Fotografie, die mit ihrer besonderen, sehr weiblichen Sicht neue Maßstäbe in der Fotografie setzte. »Székessy steht in der Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts dafür, dass Frauen andere Frauen fotografieren – mit Respekt, mit Empathie, mit Verständnis« (Daniele Muscionico)


Neben einem Querschnitt ihres Schaffens aus sechs Jahrzehnten zeigt die Ausstellung auch die liebevolle Sicht Paul Wunderlichs auf seine Partnerin und Künstler-Kollegin mit einer Auswahl von Gemälden und Grafiken.

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Eröffnungsrede von Thomas Kumlehn zur Sonderausstellung

Diese postume Einzelausstellung für Karin Székessy, überschrieben mit dem Zitat von Paul Wunderlich „Meine Frau, die schöne Fotografin“ würdigt ihr künstlerisches Werk. Sie würdigt aber auch die symbiotische Beziehung mit dem bereits erwähnten Paul Wunderlich, die bereits 2008 hier in diesem Gebäude mit der Ausstellung „Korrespondenzen in Bildern“ thematisiert worden ist.

Karin Székessy, 1938 in Essen als Tochter des Wirtschaftsjuristen Wolfgang Pohle und der Hausfrau Ingeborg Kölle geboren, erlebte siebenjährig das Ende des II. Weltkriegs. Neunzehn Jahre später begann sie ein Studium am Institut für Bildjournalismus in München. Im 2. Studienjahr übernahm Hans Schreiner die fotografische Ausbildung. Schreiner war ein Befürworter der sozialkritischen, dokumentarischen Fotografie. Seine Bedeutung als Fotograf belegt u.a. die Beteiligung an der von Edward Steichen kuratierten Wanderausstellung „Familiy of Man“, an der auch Bill Brandt und Henri Cartier-Bresson beteiligt waren. Von beiden fühlte sich Karin Székessy schon früh inspiriert. 1955 gastierte die Ausstellung zuerst in Berlin und danach in München. Sie zeigte eine kritische Bestandsaufnahme sozialer Ungleichheit sowie politischer Krisenherde und deren Auswirkungen auf die Menschen – eine humanistische Weltsicht in der Zeit des Kalten Krieges.

1957, in dem Jahr als Karin Székessy mit dem Studium begann, beendete es Barbara Niggl im selben Institut als (Zitat) „herausragend begabte Schülerin“. Beide lernten sich in München kennen und stellten auch drei Jahre später in Brüssel auf der „Exposition internationale des écoles de photographie“ aus. Eingereicht hatte Hans Schreiner dort 55 Bilder von wenigen seiner Schülerinnen und Schüler. Aus dieser Zeit stammt auch ein in der Alten Pinakothek in München entstandenes Foto von Barbara Niggl, auf dem Karin Székessy und ihr Freund bzw. späterer Mann Janos Székessy vor dem Gemälde „Rubens und Isabella Brant in der Geißblattlaube“ von Peter Paul Rubens zu sehen sind. Janos Székessys Vater, Zoltan Székessy, hatte von 1952–1964 eine Professur für Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf inne. Dort also, wo Joseph Beuys im Jahr 1961 auf den „Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei“ berufen worden ist. Einige von Ihnen werden sich an das im selben Jahr entstandene Porträt erinnern, das Karin Székessy von Joseph Beuys gemacht hat. Es war Teil der Ausstellung „Dialoge – Künstlerporträts“, die hier vor sechs Jahren zu sehen war.

Nach dem Studium begann Karin Székessy in Hamburg bildjounalistisch zu arbeiten. Ihre Fotos wurden seit 1960 neben „Twen“ und „Graphis“ hauptsächlich in der im Axel-Springer-Verlag erschienenen Zeitschrift „Kristall“ veröffentlicht, bis diese 1966 eingestellt wurde. Ihre dortigen von den Herausgebern bestimmten Arbeitsfelder waren Werbung und Mode. Diese Erfahrungen befähigten sie, von 1967 bis 1970 an der Hamburger Werkkunstschule als Dozentin für Modefotografie zu lehren. Dass sie parallel bereits eigene Pläne bzw. fotografische Orientierungen hatte, zeigte sich 1967 als der Fotograf, Fotohistoriker und damalige Leiter der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg, Fritz Kempe, ihr die erste Einzelausstellung anbot – ein Ritterschlag. Ein Rezensent der ZEIT veröffentlichte am 17. Februar 1967 seinen Eindruck. Zitat: „Ihr Titel ‚Wirkliches und Künstliches‘ umschreibt die photographischen Ressorts, die Karin Székessy einfallsreich und fleißig durchstreift: Reportage, Atelier. […] Was vielen ihrer Bilder den Hauch von Originalität gibt, ist wohl auch dies: Photographie, betrieben als ein intelligentes, eigenwilliges, oft sehr subjektives Entdeckungsspiel“. (Zitatende) Rätselhaft erschienen ihm die in der ersten Hälfte der 1960er Jahre entstandenen „Puppen“-Fotomotive, die auch hier in Eberswalde zu sehen sind. Fritz Kempe hatte dafür eine Erklärung: (Zitat) „Die Photographie besitzt sezierende Eigenschaften, und sie neigt durch ihre Gefühllosigkeit zu Übertreibungen; sie macht aus Realismus einen Über-Realismus, dessen Schritt zum Surrealismus manchmal nur noch gering ist.“

Mit diesen Worten zeigte der Mentor der Fotografin ein Potential des Mediums auf, das Karin Székessy bereits in den 1960er Jahren auzureizen begann. Befragt man ihre Biografie, taucht 1963 eine weitere werkprägende Koinzidenz auf. Im selben Jahr als sie Paul Wunderlich kennenlernte, fotografierte sie Hans Bellmer. Das im Atelier entstandene Porträt zeigt ihn beim Arrangieren einer seiner selbst gebauten Puppen. Er steht hinter einer Staffelei, die rechte Hand streckt den linken Arm der liegenden Puppe, während er in der linken Hand eine Zigarette haltend aufmerksam ihre Position betrachtet. Der Atelierraum ist nur angedeutet, das Geschehen – wie auf einer Bühne – ist in den Vordergrund des Bildes gerückt. Im Licht der obsessive Gesichtsausdruck Bellmers, diagonal dazu im Halbschatten die Puppe, auf deren Brust ein weiblicher Oberkörper wie eine Wucherung platziert ist. Im Gegensatz dazu sind die zwischen 1963 und 1965 entstandenen Puppen-Fotos von Karin Székessy als stille Szenerien arrangiert. Aus dieser Stille erwächst bisweilen eine bedrohlich wirkende Atmosphäre, wenn der rechte Oberarm von „Eloise“ von einem hängenden Puppenbein berührt wird, oder eine zärtlich-surreale, wenn der abgenommene Kopf einer Puppe die linke Hand derselben mit dem Mund berührt.

1971 heirateten Karin Székessy und Paul Wunderlich. Er und seine (Zitat Wunderlich) „Frau, die schöne Fotografin“ waren füreinander dauerhafte Inspiration und Orientierung. Der Hamburger Kunsthistoriker und Museumsmann Heinz Spielmann analysierte die künstlerische Symbiose des Paares. Paul Wunderlich (Zitat) „suchte … nicht die Natur als Stimulans, sondern ihre artifizielle Verwandlung in Bilder; ihn interessierte nicht das Ungeformte, sondern das durch Form Bewältigte. […] Die Photograpien von Karin Székessy dokumentieren nicht eine beliebige, vorhandene Realität, sondern Szenen und Arrangements […]. Karin Székessy erfindet Szenen eines statischen Theaters ohne Worte, in denen die Wirklichkeit auf eine andere Ebene transformiert wird. Sie modelliert ihre Räume, Modelle und Objekte […] wie auf einer Bühne.“ (Zitatende) Eine Bühne ohne Vorhang für Paul Wunderlich, die er auch gern betreten hat, um inmitten der Inszenierungen als Zaungast in Präsenz oder wie ein Geist dem Geschehen beizuwohnen. Nicht nur die Fotografien von Aktmodellen, auch dieses verinnerlichte Privileg haben ihn zu einigen Bildfindungen geführt, die in dieser Ausstellung zu sehen sind. Wenn die feingliedrigen Frauen wie „Draperien“ des Interieurs zur Wirkung kamen, war seine Idee schon im Kopf.

Paul Wunderlich sprach gern von seinen zentralen künstlerischen Themen „Eros“ und „Thanatos“ (Begehren und Tod), an denen er sich lebenslang abarbeitete. Erinnert sei an dieser Stelle an die erste Einzelausstellung u.a. mit zwei 1959 entstandenen Werkgruppen, „qui s’explique“ und „20. Juli 1944“ im Dragonerstall in Hamburg im Jahr 1960. Während er für die dem Attentat auf Hitler gewidmete Werkreihe mit inzwischen 33 Jahren den Deutschen Kunstpreis der Jugend für Graphik erhielt, werden die Lithografien seiner erotischen Blattfolge „qui s’explique“ innerhalb der Laufzeit von der Staatsanwaltschaft wegen „unzüchtiger Abbildungen“ beschlagnahmt. Diese Ausstellung war die frühe Initialzündung für seine internationale Karriere. Dass sie nicht allein auf eine Provokation zurückzuführen ist, hat Paul Wunderlich mit seinem Gesamtwerk bis zu seinem Tod im Jahr 2010 unter Beweis gestellt. Die morbiden figurativen Konstellationen seines Frühwerks wichen zunehmend einer Personage in edler Materialität von stilisierter Schönheit. Für die ästhetische Katharsis werden neben seiner Hinwendung zum Kunsthandwerk die fotografischen Inszenierungen von Karin Székessys weiblichen Akten nicht unerheblich gewesen sein. Verströmen die unversehrten jungen Frauen doch eine Freude an gespielter Unbekümmertheit im variantenreichen Umgang mit dem nackten (teils verhüllten) Körper und offensichtliche Lebenslust. Es handelte sich um einen geschützten Mikrokosmos. Ein drastischer Gegenpol sind im Vergleich die fotografischen Selbstinzenierungen von Francesca Woodman, die in einer ähnlichen Lichtregie chronologisch mit ihrem Suizid endeten.

Karin Székessy hatte lange eine Vorliebe für die analoge Schwarz/Weiß-Fotografie. Ihr besonderes Interesse galt der Herstellung von Unikaten. Paul Wunderlich regte sie an, Fotografien mit Hilfe druckgrafischer Verfahren in streng limitierten Auflagen einzelner Fotografien herzustellen. In einem Interview mit Sven Hoffmann, Kurator der Ausstellung „Karin Székessy – Zeitspuren einer Ikone der Fotografie“ im vergangenen Jahr – nachzulesen in dem Katalog der Kunsthalle Lüneburg – erläutert sie ihre diesbezüglichen Wege und Nebenwege. Anfangs nutzte sie bspw. die Pseudosolarisation in ihrer Dunkelkammer, um gewünschte Lichteffekte nachträglich zu erzeugen. Später interessierte sie sich insbesondere für den Lichtdruck, für den sie sich aber einer Werkstatt anvertrauen musste. Das galt auch für die Abzüge, als sie Wolfgang Söder begegnet war:
Zitat: „Wolfgang fertigt die Silbergelantine-Prints meiner Arbeiten in einer außergewöhnlichen Qualität an, die den Bildern eine besondere Tiefe und Ausdruckskraft verleiht.“

Eine ihrer letzten Werkreihen hat sie hellsichtig mit „Die sich auflösende Frau“ bezeichnet. (Zitat) „Darin entfernen sich die Modelle zunehmend vom Betrachter, sie werden gleichzeitig in eine üppige, überbordende Natur eingebettet.“ (Zitatende)
Am 22. Mai 2025 ist Karin Székessy in Hamburg gestorben.

Viele ihrer Fotografien sind im Bestand wichtiger öffentlicher Sammlungen, wie dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe oder dem Folkwang Museum in Essen. Paul Wunderlich hat zeitlebens sein Werkverzeichnis angelegt. Dem künstlerischen Nachlass von Karin Székessy ist zu wünschen, dass er Aufnahme in ein fachlich fundiertes, öffentlich zugängliches Verzeichnis findet.

Dem Kurator Frank Göritz, langjähriger Vertrauter von Karin Székessy und Paul Wunderlich, danke ich für seine Initiative, dass diese Ausstellung heute eröffnet werden kann. Seine prägnante Auswahl vereint das Früh- mit dem Spätwerk. Werkreihen mit den Früchte- und Blumen-Stillleben, den Puppen, der weiten Sylter Landschaft, Akten, Straßenfotografie und Porträts – eine postume Hommage an Karin Székessy und ihr Lebenswerk.

Eberswalde, 13.12.2025